Die Ausreißer

Sie stehen auf. Mitten in der Nacht. Lautlos schleichen sie ins Bad. Da hat man eine Erklärung dass man mitten in der Nacht wach ist. Man musste eben nur aufs Klo. Durch das Badezimmerfenster klettern sie nach draußen. Dass das Fenster angelehnt ist, fällt nur auf wenn man genau hinschaut. Und da ist niemand der genau hinschaut. Die Uhr im Bad ist stehen geblieben. Sie haben sie so stehen lassen das ist einfacher.
Die Taschenlampen machen sie erst an wenn sie die Gartenmauer hinter sich gelassen und den nächsten Häuserblock erreicht haben. Bis dahin brauchen sie auch kein Licht. Den Weg kennen sie im Schlaf. Ihre Hosentaschen sind ausgebeult und beide brennen darauf ihre Schätze zu präsentieren. Mitten in der Nacht beginnt ihr trauriger Triumphzug.
Die Wohnung von Rainers ist noch hell erleuchtet wie meist um diese Zeit. Die Vorhänge sind zur Seite gezogen und durch die großen Fenster wirkt das hell ausgeleuchtete Wohnzimmer wie eine große Bühnenkulisse. Es ist ein gelungener Kniff des Ehepaars um den regelmäßigen Ehestreitigkeiten aus dem Weg zu gehen. Geht es wieder einmal los, flüchtet entweder sie oder er ins Wohnzimmer, in die Öffentlichkeit. Dann müssen sich beide wieder benehmen.
Manchmal bleiben die Ausreißer für einen kurzen Augenblick stehen und betrachten das Schauspiel.
Nach den Rainers kommt nur noch der Friedhof. Dort flackern die vielen roten Kerzen im lauen Abendwind und erinnert an tausend abgelaufene Uhren. Dahinter ist der uralte Hirtenverschlag. Hier war seit Jahren niemand mehr. Niemand außer den beiden Ausreißern. Sie haben sich eine Kerze vom Friedhof mitgenommen. Jetzt steht bei Karl Heinz Friedrich kein Licht mehr - aber ihm ist das egal. Er ist schon seit über 25 Jahren tot und dass nach einem viertel Jahrhundert immer noch Kerzen auf seinem Grabstein verbrennen, halten die beiden Ausreißer für bloße Verschwendung. In dem Hirtenverschlag kauern sich die beiden zusammen. Nichts ist zu hören, außer ein leises Rascheln von draußen mit dem der leichte Wind durch die Blätter streicht und drinnen ein leises vielstimmiges Ticken wie ein sakraler Chor mitten in der Nacht. Die Taschenlampen haben sie ausgemacht - nur für alle Fälle. Damit nicht irgendein verlaufener, nächtlicher Spaziergänger aufmerksam wird. Aber nächtliche Spaziergänger kleben an ihren ganz eigenen Problemen und sind deshalb selten aufmerksam. Und die meisten haben Angst. Die Ausreißer dagegen haben keine Angst. Sie stecken ihre Hände in die Hosentaschen, betasten das Diebesgut. Ihre Finger sind viel zu jung für das was sie tun. Im Hirtenverschlag steht eine leicht faulige Holzpritsche. Darunter liegt die Schatztruhe versteckt. Ihre Schatztruhe. Sie ist nur zu sehen, wenn man weiß wo sie steht - aber wer gute Ohren hat und aufmerksam lauscht, kann sie hören. Aber da ist niemand um zu lauschen. Von der Schatztruhe geht ein leises Ticken aus. Die Ausreißer holen sie hervor. Es ist ein Ritual. Der Deckel wird vorsichtig hochgeklappt und beide schauen hinein und holen die Schätze aus der Truhe und legen sie sorgsam vor sich auf den festgeklopften Lehmboden. Das tickende Konzert umfängt den staubigen Hirtenverschlag. Sie lauschen beide eine Weile bis einer das Schweigen durchbricht.
"Und was hast du mitgebracht?"
Zwei Armbanduhren kommen aus der Hosentasche hervor. Die eine ist eine bunte Kinderuhr mit grell-grünen Zeigern und einem völlig verkratzen Plastikgehäuse, die andere ist eine feine, goldene Damenuhr - an einem kleinen Rädchen lässt sie sich aufziehen.
"Die Kleine da ist gut - die hätte ihr gefallen."
Andächtig nicken beide und betrachten im weichen Kerzenlicht die neuen Schätze. Dann leert der andere Ausreißer die Taschen: ein kleiner Wecker mit einem aufdringlichen Ticken und eine Armbanduhr - ein kostbares Herrenmodell.
"Die da würde Dad gefallen."
"Ja, aber er braucht die Zeit nicht so dringend."
Wieder andächtiges Schweigen der beiden. Dann, wie auf ein unsichtbares Kommando beginnen beide sämtliche Uhren die vor ihnen liegen zurück zu stellen. Vierundzwanzig mal dreht sich jeder große Zeiger rückwärts. Vierundzwanzig Runden. Vierundzwanzig Stunden. Immer und immer wieder. Es dauert eine Weile bis sie alle Uhren durch sind - aber sie vergessen keine. Sie vergessen nie eine. Dann legen sie den tickenden Chor wieder zurück in ihre Truhe. Sorgsam schieben sie die Schatztruhe unter die Pritsche und verlassen den Hirtenverschlag. Sie klopfen sich den Staub von den Klamotten und wenden sich mit der Kerze in der Hand dem Friedhof zu. Die Kerze stellen sie auf einem anderen, frischen Grab ab.
"Für dich, Ma"
"Du hast jetzt wieder vierundzwanzig Stunden."
"Ganz ganz oft vierundzwanzig Stunden."
Sie hätten sich noch mehr Mühe geben sollen. Sie hätten sicher noch mehr Uhren mitgehen lassen können. Mit ein wenig mehr Anstrengung. Ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Aber morgen. Bestimmt morgen.
Sie gehen zurück. Mit hochroten Köpfen schweigen sich das Ehepaar Rainer im hell erleuchten Wohnzimmer an. Die beiden Ausreißer achten nicht darauf. Sie gehen am Häuserblock vorbei, klettern über die Gartenmauer. Ohne Taschenlampe. Den Weg kennen sie im Schlaf. Und es ist Nachts, da bemerkt ohnehin niemand etwas. Unsichtbar schleichen sie hinüber zum Badezimmerfenster, drücken mit der Hand leicht dagegen - doch das Badezimmerfenster ist verschlossen.

copyright: Katharina Wolter